Zur Debatte gestellt: Meinungen und Kontroverses -
Wenn Toleranz zur Einbahnstraße wird
von Ivonne Grecksch
Familien stärken – oder Gesellschaft spalten?
Die Veranstaltung von Heidi Reichinnek auf dem Freiberger Schloßplatz beschäftigte sich mit den Themen: Familien stärken, soziale Gerechtigkeit und der Ablehnung einer Wiedereinführung der Wehrpflicht. Mehrere Hundert Menschen verfolgten die Kundgebung. Da ich krankheitsbedingt nicht vor Ort sein konnte, sah ich Teile der Veranstaltung über einen Livestream. Was mir dabei besonders in Erinnerung blieb, waren nicht einmal die politischen Redebeiträge, sondern Teile des musikalischen Rahmenprogramms. Einige Liedtexte empfand ich als vulgär, provozierend und für eine öffentliche politische Veranstaltung zumindest diskussionswürdig. Während ich zuhörte, kam mir ein Gedanke: Was wäre gewesen, wenn ich gerade mit meinem Enkel auf dem Weg zur Terra Mineralia über den Schloßplatz gelaufen wäre? Wie hätte ich ihm erklärt, warum dort solche Texte gesungen werden? Natürlich gibt es die Kunstfreiheit. Sie gehört zu einer demokratischen Gesellschaft. Dennoch darf man die Frage stellen, ob jede Form der Kunst und jede Form der Sprache zu jeder Veranstaltung passt – insbesondere dann, wenn eine Veranstaltung mitten in der Stadt stattfindet und von Menschen aller Altersgruppen wahrgenommen werden kann. Besonders nachdenklich machte mich eine Liedzeile, die sinngemäß lautete: „Ich kleide mich schwarz, gehe raus auf die Straße, wir brauchen alle Menschen, die sich offen gegen Scheiße bekennen.“ Der Satz erhielt Applaus. Doch bei mir blieb eine Frage zurück: Wer entscheidet eigentlich, was „Scheiße“ ist? Wer legt fest, welche Meinung noch akzeptabel ist und welche nicht? Sind damit ausschließlich Extremisten gemeint oder möglicherweise irgendwann auch Menschen, die einfach politisch anders denken?
Gerade wenn auf einer Veranstaltung von Demokratie, Vielfalt und gesellschaftlichem Zusammenhalt gesprochen wird, sollte diese Frage erlaubt sein. Demokratie bedeutet schließlich nicht, dass alle dieselbe Meinung vertreten. Demokratie bedeutet, unterschiedliche Ansichten auszuhalten und miteinander zu diskutieren.
Während des Streams fiel mir auf, wie schnell Menschen in politische Schubladen eingeordnet wurden. Einige Schüler äußerten ihre Sorge, ihre politische Meinung oder ihr Interesse an bestimmten Parteien nicht offen zeigen zu können, weil sie negative Reaktionen aus ihrem Umfeld befürchten. Ob diese Erfahrungen im Einzelnen zutreffen, kann ich nicht beurteilen. Nachdenklich macht mich jedoch, dass junge Menschen überhaupt solche Gedanken äußern. Gerade Schule sollte ein Ort sein, an dem verschiedene Meinungen diskutiert werden können. Schüler sollten lernen, kritisch zu hinterfragen, Argumente abzuwägen und sich eine eigene Meinung zu bilden – unabhängig davon, in welche politische Richtung diese am Ende geht. Mich beschäftigt dabei weniger die Frage, welche Partei jemand unterstützt. Mich beschäftigt vielmehr die Frage, warum politische Meinungen immer häufiger darüber entscheiden, wie Menschen behandelt werden. Warum wird jemand allein aufgrund seiner politischen Überzeugung ausgegrenzt? Warum werden Menschen vorschnell abgestempelt, obwohl sie vielleicht einfach nur eine andere Meinung vertreten?
Besonders irritierend finde ich, dass oft von Liebe statt Hass gesprochen wird, gleichzeitig aber Andersdenkende mitunter verächtlich behandelt werden. Wer Toleranz fordert, sollte Toleranz auch selbst leben. Wer Respekt einfordert, sollte ihn auch Menschen entgegenbringen, die anderer Ansicht sind.
Widersprüchlich wirkte auf mich außerdem ein weiterer Punkt des musikalischen Programms. In einzelnen Liedern wurde vermittelt, Männer würden nicht gebraucht oder seien Teil des Problems. Gleichzeitig wurde die Veranstaltung durch männliche Sicherheitskräfte abgesichert, die dafür sorgten, dass alles störungsfrei stattfinden konnte. Für mich entstand dadurch ein Widerspruch zwischen Botschaft und Realität.
Im Livestream schrieb ich lediglich den Satz: „Oje, mir bluten die Ohren.“ Die Reaktionen darauf waren heftig. Schnell wurde erklärt, dies sei Kunstfreiheit und müsse akzeptiert werden. Das mag sein. Doch auch die Freiheit, Kritik zu äußern, gehört zu einer Demokratie. Ein weiterer Punkt fiel mir während des Livestreams auf. Viele Kommentare bestanden nicht aus Argumenten, sondern aus Parolen, Beleidigungen oder Schlagworten. Wer anderer Meinung war oder Kritik äußerte, wurde häufig nicht mit Gegenargumenten konfrontiert, sondern mit abwertenden Bemerkungen.
Sätze oder Kürzel wie „FCK …“ mögen Emotionen ausdrücken, ersetzen aber keine sachliche Auseinandersetzung. Wer von Demokratie spricht, sollte bereit sein, seine Position zu erklären und zu verteidigen. Demokratie lebt vom Austausch unterschiedlicher Meinungen. Sie lebt nicht davon, andere niederzuschreien oder pauschal abzuwerten. Dieser Eindruck beschränkt sich allerdings nicht nur auf soziale Medien oder Livestreams. Auch im Alltag scheint die Fähigkeit zur sachlichen Diskussion zunehmend verloren zu gehen. Wo Argumente fehlen, werden Menschen oft laut. Wo die Auseinandersetzung schwierig wird, greift man zu Beschimpfungen. Nicht selten wird das Gegenüber dann auf eine politische Schublade reduziert.
Vielleicht berührt mich dieses Thema auch deshalb so sehr, weil ich in der DDR aufgewachsen bin. Ich weiß, wie es ist, wenn in der Schule vor allem eine politische Sichtweise vermittelt wird. Sozialismus wurde als richtig dargestellt, Kapitalismus als falsch. Eine offene Diskussion unterschiedlicher Ansichten fand kaum statt.
Dabei möchte ich nicht behaupten, dass damals alles schlecht war. Es gab Dinge, die viele Menschen bis heute positiv in Erinnerung haben. Der Zusammenhalt untereinander war oft größer, Höflichkeit und gegenseitige Rücksichtnahme wurden selbstverständlich gelebt. Viele Menschen erinnern sich auch an positive Seiten dieser Zeit.
Gerade deshalb halte ich es für wichtig, dass junge Menschen heute die Freiheit haben, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Schule sollte ein Ort sein, an dem verschiedene Positionen vorgestellt und diskutiert werden können. Schüler sollten lernen, Fragen zu stellen, Argumente zu prüfen und selbstständig zu denken. Demokratie entsteht nicht dadurch, dass Menschen gesagt bekommen, was sie denken sollen. Demokratie entsteht dadurch, dass Menschen lernen, selbstständig zu denken.
Vielleicht ist genau das die größte Herausforderung unserer Zeit: Nicht der politische Gegner ist das Problem, sondern die zunehmende Bereitschaft, Menschen nur noch in Lager einzuteilen. Extremismus ist niemals eine Lösung – egal, aus welcher Richtung er kommt. Eine demokratische Gesellschaft muss unterschiedliche Ansichten aushalten können. Sie muss Streit zulassen, ohne dass daraus Feindschaft entsteht. Und sie sollte Menschen nicht nach einem Parteibuch beurteilen, sondern danach, wie sie miteinander umgehen. Demokratie zeigt sich nicht darin, wie wir mit Menschen umgehen, die genauso denken wie wir. Sie zeigt sich darin, wie wir mit Menschen umgehen, die anderer Meinung sind. Genau deshalb blieb bei mir nach dieser Veranstaltung vor allem eine Frage zurück:
Wie tolerant sind wir eigentlich wirklich gegenüber Menschen, die anders denken als wir selbst?
Über die Autorin
Ich bin Ivonne Grecksch und Teil des Redaktionsteams von FORUM AKTUELL und schreibe über das Geschehen vor unserer Haustür.
Aufgewachsen im Zschopautal, hat mich mein Weg nach Großhartmannsdorf geführt. Beide Orte liegen im Erzgebirge und sind eng mit der Geschichte der Region und der alten Silberstraße verbunden. Ich bin gern unterwegs, liebe das Reisen und habe dabei vieles von der Welt gesehen. Dennoch zieht es mich immer wieder zurück in meine Heimat.
Mit offenen Augen durchs Leben zu gehen bedeutet für mich auch, nicht nur die schönen Seiten zu sehen, aber statt zu jammern, frage ich nach, packe an und berichte sachlich und nah an den Menschen, manchmal auch mit einem Augenzwinkern.
Das Schreiben begleitet mich seit meiner Jugend. Privat bin ich verheiratet, Mutter von zwei Söhnen und Oma.